Tausend Zeilen

Die erfundenen Reportagen des preisgekrönten Hamburger Journalisten Claas Relotius sorgten 2018 für einen Medienskandal. Michael Bully Herbig hat die Geschichte verfilmt
Zusammen mit dem preisgekrönten Reporter Lars Bogenius (Jonas Nay) soll der freie Journalist Juan Romero (Elyas M’Barek) die Titelgeschichte für ein re­nommiertes Politmagazin schreiben – eine Reportage zum Thema Bürgerwehren und Flüchtlingsströme an der Grenze zwischen Mexiko und den USA. Romero übernimmt die Recherche auf der mexikanischen Seite, Bogenius auf der amerikanischen. Während Romero große Schwierigkeiten hat, an Interviewpartner zu kommen, fällt es Bogenius scheinbar leicht: Er bekommt sogar ein Exklusivinterview inklusive Belegfoto mit dem Anführer einer bewaffneten Gang, die an der Grenze illegal ein­reisende Mexikaner erschießen will. Doch Romero stößt in Bogenius’ Text auf seltsame Ungereimtheiten, die dieser nicht ausräumen kann und will. Schließlich wendet sich der Journalist an seinen Ressort­leiter (Michael Maertens) und den Chef­redakteur (Jörg Hartmann), die ihn jedoch abwimmeln und nicht glauben wollen, dass ihr hoffnungsvoller Star-Reporter Lügen verbreitet. Romero, der eine Familie mit Frau (Marie Burchard) und vier Kindern hat, droht seinen Job zu verlieren. Der Skandal um Claas Relotius und rund sechzig gefälschte Artikel – unter anderem für den „Spiegel“ – wurde 2018 von Mitarbeiter Juan Moreno aufgedeckt und in dessen Buch „Tausend Zeilen Lüge. Das System Relotius und der deutsche Journalismus“ (2019) beschrieben. Regisseur Bully Herbig („Der Ballon“) hat diese Geschichte jetzt mit ähnlich klingenden Namen und Elyas M’Barek in der Hauptrolle verfilmt. Der Film beginnt farbig und in gut gelauntem Tonfall – wohl um dem anvisierten Publikum bei diesem wichtigen Thema den Einstieg zu erleichtern, und demontiert auf gelungene Art vor allem die Chefetage des Nachrichtenmagazins, deren Mitglieder mehr an das eigene Ego und die erhoffte Büroeinrichtung denken als daran, guten Journalismus zu ermöglichen. Doch der lässig-leichte Feel-good-Ton bleibt auch, als es wirklich ernst wird: Das Ansehen der vierten Gewalt in Deutschland ist in Gefahr – da helfen angenehm temperierte Komödchen nicht weiter, besser wären ­beißende, überdrehte Satiren wie einst „Schtonk!“ (1992) über den „Stern“ und die Hitler-Tagebücher. Die inneren Antriebe und Motive von Bogenius/Relotius werden zudem komplett ausgeblendet. Und wem am Ende des Films einfällt, dass er keinen Beifall von der falschen Seite möchte (Stichwort „Lügenpresse“), hat gleich zu Beginn etwas nicht richtig gemacht.

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