Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush

Furios und zum Teil urkomisch: Comedienne Meltem Kaptan spielt die Mutter des Guantánamo-Häftlings Murat Kurnaz. Andreas Dresen („Halbe Treppe“) zeigt ihren Kampf als Mischung aus Tragikomödie und Gerichtsdrama
Den Namen Murat Kurnaz hat man noch im Ohr. In Bremen geborener Türke, Guantánamo-Häftling kurz nach 9/11 – ohne Anklagegrund, fünf Jahre lang. Sein Schicksal sorgte für Aufmerksamkeit, er schrieb ein Buch, das 2012 als „5 Jahre ­Leben“ verfilmt wurde. Die Rolle der damaligen Bundesregierung: bis heute diffus. Dass sich nun Andreas Dresen der Geschichte des „Bremer Taliban“ annimmt, mag nur auf den ersten Blick überraschen. Dresen, der Großmeister der Ost-Chroniken („Gundermann“, „Als wir träumten“) und stillen Tragödien („Halt auf freier Strecke“), hatte schon immer ein Herz für Underdogs, für kleine Leute, für Abgehängte. Außerdem wirkt der in Gera geborene Filme­macher seit 2012 nebenbei als Verfassungsrichter in Brandenburg. Da reizte ihn sicher auch der juristische Aspekt. Der Clou: Gemeinsam mit seiner lang­jährigen Drehbuchautorin Laila Stieler erzählt Dresen gar nicht die Geschichte von Murat (der taucht nur am Rande auf), sondern die von Rabiye Kurnaz (Meltem Kaptan), seiner Mutter. Und hat somit eine Protagonistin mit einer Power an der Hand, die es seit „Erin Brockovich“ vor 22 Jahren nicht mehr gegeben hat. Dieser Frau traut man den Marsch gegen Washington sofort zu. Fast entwickelt man so etwas wie Mitleid mit dem damaligen US-Präsidenten George W. Bush – aber nur fast. „Geh es an wie ein Türke, aber beende es wie ein Deutscher“ ist einer von Rabiyes Sinnsprüchen, der zum Motto für den Kampf um die Freiheit ihres Sohnes wird. Sie will ihn „da“ rausholen, denkt nicht wie ihr Mann: „Wenn er nichts Schlimmes getan hat, passiert ihm auch nichts.“ Mit ihrer Leidenschaft, ihrem Einsatz und Unmengen türkischer Leckereien überzeugt sie auch Bernhard Docke (perfekt: Alexander Scheer), einen nüchternen, hanseatischen Menschenrechtsanwalt aus Bremen, der sich Rabiyes überfallartiger Präsenz zunächst kaum erwehren kann. Dann aber ist er bereit, mit ihr ganz weit zu gehen, bis zum Obers­ten Gerichtshof in Washington, D. C., dem ­Supreme Court. Docke geht es um Gerechtigkeit, Rabiye um ihren Jungen: „Ich geh bis ans Ende der Welt.“ Diesen Film muss man sehen, diese Frau muss man sehen! TV-Comedienne Meltem Kaptan („Ladies Night“) als Rabiye Kurnaz ist in ihrer ersten Kinohauptrolle einfach eine Wucht, der Film ebenso. Die Wut, die er noch heute erzeugt, wichtig.

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