Mittagsstunde

Charly Hübner spielt in der Verfilmung des Erfolgs­romans von Dörte Hansen einen Kieler Archäologen, der in das Dorf seiner Kindheit zurückkehrt
Marret Feddersen (Gro Swantje Kohlhof), die in ihren Klapperlatschen über die Felder zieht, um Federn, Baumrinden und tote Tiere zu sammeln, ist überzeugt davon, dass der Welt­untergang naht. Marret ist tatsächlich ein bisschen verrückt, doch auch die anderen Dorfbewohner fragen sich besorgt: „Soll nun mit Gewalt alles anders werden?“ 1965 kommen die Landvermesser ins nordfriesische Brinkebüll, um die Flurbereinigung vorzubereiten. Kleine Felder werden zu großen Ackerflächen, die alte Kastanie auf dem Dorfplatz wird ebenso verschwinden wie die Störche. Als die Landvermesser abreisen, ist die siebzehnjährige Marret schwanger. Ihre Eltern (Rainer Bock und Gabriela Maria Schmeide) werden das „Kuckuckskind“ großziehen. Sönke und Ella hoffen, dass ihr Enkel eines Tages ihren Gasthof übernimmt, doch nach dem Abitur zieht Ingwer nach Kiel, wo er Archäologie studiert. Ingwer (Charly Hübner) ist 47 Jahre alt, als er nach Brinkebüll zurückkehrt, um seine Großeltern (nun gespielt von Peter Franke und Hildegard Schmahl) zu pflegen. Den Ort seiner Kindheit erkennt er kaum wieder: Der Tante-Emma-Laden und die Dorfschule sind geschlossen, das holprige Kopfsteinpflaster wurde vor Jahrzehnten durch eine Schnellstraße ersetzt. Dörte Hansen („Altes Land“) beschreibt in ihrem Bestseller, den Lars Jessen („Dorfpunks“) auf konge­niale Weise verfilmt hat, eine versunkene Welt und fragt, wann dieser Niedergang begonnen hat. In Ingwer Feddersen, dem verloren wirkenden Endvierziger, spiegelt sich die Trauer über den Verlust – und die Sehnsucht, sich von seiner Herkunft zu lösen. Er hängt noch immer „an diesem rohen, abgewetzten Land“, weiß aber auch, dass der kalte Wind und der Schräg­regen auf „das bisschen Mensch“ keine Rücksicht nehmen. Charly Hübner („Eltern“) verkörpert diese Rolle mit einer Wahrhaftigkeit, die einem fast den Atem raubt. Auch im Film spielt die Geschichte auf verschiedenen Handlungsebenen. Die Schlager aus der Musikbox im Gasthof entführen die Zuschauer in eine Zeit, als die Mittagsstunde noch heilig war. Keine heile Welt, sondern „ein ordentliches Kuddelmuddel“ voller Geheimnisse, die nach und nach ans Licht kommen.

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