Lieber Thomas

Albrecht Schuch („Schachnovelle“) spielt den Dichter Thomas Brasch, der sich weder in der DDR noch im Westen anpassen wollte
Das Volk der DDR, das hat ihm der Staatsratsvorsitzende Erich Honecker 1976 persönlich erklärt, sei „noch nicht reif“ für seine Prosa. Wenig später hat Thomas Brasch eine Resolution gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns unterzeichnet und einen Ausreiseantrag gestellt. Sein Erzählband „Vor den Vätern sterben die Söhne“ erscheint ein Jahr später im Westen. Doch heimisch geworden ist er hier nie. „Wo ich lebe, da will ich nicht sterben, aber wo ich sterbe, da will ich nicht hin: Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin“ heißt es in seinem Gedicht „Der Papiertiger“. Thomas Brasch war ein Getriebener. Seine innere Zerrissenheit ist das große Thema in Andreas Kleinerts Annäherung an den fast vergessenen Dichter und späteren Filmemacher („Engel aus Eisen“). „Lieber Thomas“ will kein klassisches ­Biopic sein, sondern „ein Nachdenken über Brasch“, so der Regisseur. Eine „auf Tatsachen fußende Fiktion“ in kunstvollen Schwarz-Weiß-Bildern, die Braschs Lebenslauf mit surrealen Elementen und Traumsequenzen verbindet. Schon als Kind äußert Thomas den Wunsch, Schriftsteller zu werden. Sein Vater (Jörg Schüttauf), einer der führenden Funktionäre der DDR, schickt ihn auf die Kadettenschule, ein Albtraum für den sensiblen Jungen. Später wird er nicht nur gegen den Vater, sondern auch gegen die staatlichen Autoritäten rebellieren. Er fliegt von der Filmhochschule und verteilt Flugblätter gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings. Sein Vater wirft ihm vor, der eigenen Familie zu schaden, und verrät ihn. Andreas Kleinert („Wege in die Nacht“) zeichnet das Porträt eines charismati­schen und scharfsinnigen Träumers, der rücksichtslos und ver­letzend sein konnte. Albrecht Schuch („Berlin Alexanderplatz“, siehe auch Seite 60) verkörpert all diese Eigenschaften und Widersprüche mit einer Intensität, die dem exzessiven, am Ende selbstzerstörerischen Leben dieses entwurzelten Denkers in jeder Sekunde gerecht wird.

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