Trailer zu ”Der Rausch”

Der Rausch

In dieser Tragikomödie mit Mads Mikkelsen („Die Jagd“) setzt sich Regisseur Thomas Vinterberg („Das Fest“) mit dem Thema Alkoholismus, dem Leben und dem Tod auseinander – und beweist, wie differenziert man eine derart knifflige Thematik betrachten kann
Schnapsidee oder der Weg aus der Lethargie? Geschichtslehrer Martin (Mads Mikkelsen) steht am Scheideweg. Seit Jahren verläuft sein Leben nur noch in gewohnten Bahnen, nichts bereitet ihm noch wirkliche Freude. Seine Frau Anika (Maria Bonnevie) und seine beiden Kinder nehmen ihn kaum noch wahr, sogar seine Schüler haben sich schon über seinen fahrigen Unterrichtsstil beschwert. Der Burn-out steht kurz bevor. Auf einer Geburtstags­feier mit seinen Freunden Tommy (Thomas Bo Larsen), Nikolaj (Magnus Millang) und Peter (Lars Ranthe), die am selben Gymnasium unterrichten, wird er von seinen Gefühlen übermannt und versinkt in Selbstmitleid. Doch dann hat Peter eine verrückte Idee. Kürzlich ist er auf eine gewagte These ge­stoßen, die der norwegische Philosoph Finn Skårderud vor zwanzig Jahren aufgestellt hat. Demnach werden Menschen mit einem zu geringen Alkoholwert im Blut geboren, wodurch die Leis­tungsfähigkeit und die Kreativität gebremst werden. Erst bei einem halben Promille soll sich das volle Potenzial entfalten. Da Skårderud seine Theorie, die auf viel Widerstand gestoßen ist, nie in der Praxis überprüft hat, wagen Martin und seine Kumpel kurzerhand den Selbstversuch. Das Quartett will bei der Arbeit und in der Freizeit einen konstanten Promillewert von 0,5 halten. Die Auswirkungen ihres Experiments halten sie in einem Studienpapier fest. Die ersten Tests verlaufen vielversprechend: Etwas Schnaps zum Müsli – und schon klappt es wieder mit den entnervten Schülern. Und auch im Privatleben flammt das Feuer wieder auf. Aber wie sieht es mit den Langzeiteffekten aus? Und was wäre, wenn sie noch etwas mehr tränken? Im CINEMA-Interview erklärt Regisseur und Co-Autor Thomas Vinterberg („Die Jagd“), dass ihn weltgeschichtliche Ereignisse zu der Handlung des Films inspiriert haben. Bedeutende Errungenschaften großer Persönlichkeiten sollen im betrunkenen Zustand erbracht worden sein. Ein Beispiel, das auch im Film zu Sprache kommt, ist der frühere britische Premierminister Winston Churchill, der während des Zweiten Weltkriegs wichtigste Entscheidungen mit Alkohol im Blut getroffen hat. Martin fragt seine Schüler, wen sie eher wählen würden: einen Saufbold oder einen asketischen Tierfreund? Wenig überraschend entscheidet sich die Klasse einstimmig für den Tierliebhaber. Nur um festzustellen, dass sie sich für Adolf Hitler und gegen Churchill ausgesprochen haben. Auf den ersten Blick wirkt diese Szene fast lachhaft und ein wenig plakativ. Doch je mehr man darüber nachdenkt, desto deutlicher kommt der ernste Kern zum Vorschein. Genau in diesen Sequenzen erkennt der Zuschauer, dass Vinterberg und Co-Autor Tobias Lindholm („Hijacking“) sich alles andere als oberflächlich mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Die beiden Filmemacher hatten schließlich kein bloßes Melodram zum Thema Alkoholismus oder eine heitere Saufkomödie im Sinn. Stattdessen versuchen sie, ein differenziertes Bild über die Tücken – und die vermeintlichen Vorteile – des Alkohols zu zeichnen. Vinterberg meint dazu: „Hier haben wir vier Lehrer, die ihre Neugierde, ihren Lebenshunger und ihren Sinn fürs Risiko im Leben verloren haben. Aber sie haben sich all das zurückgeholt und ihre Lethargie abgelegt, indem sie mit dem Trinken angefangen haben. Unser Ehrgeiz war es, einen Film über das Leben oder zumindest das Leben in Dänemark zu machen.“ Angesichts der heiklen Materie eine schwierige Aufgabe, bei der die Gefahr besteht, dass einzelnen Aspekten zu viel Aufmerksamkeit geschenkt wird und die Story schnell ins Lächerliche oder überaus Tragische abdriften könnte. Doch Vinterberg und Lindholm gelingt es stets, die Erzählung im Gleichgewicht zu halten. Als das Experiment zunehmend eskaliert, kommt es nach anfänglichen Erfolgen zu negativen Auswirkungen auf die Gesundheit, das Familienleben und die Karriere der Akteure. Obwohl die vier Freunde immer häufiger mit Rückschlägen und wachsendem Widerstand aus ihrem sozialen Umfeld konfrontiert werden, schafft es „Der Rausch“, dem Genuss von Alkohol auch positive Seiten abzugewinnen. Einen erheblichen Beitrag zum Gelingen des Films leis­tet das charismatische Hauptdarsteller-Quartett. Mads Mikkelsen („Casino Royale“), der bereits in „Die Jagd“ mit Vinterberg zusammengearbeitet hat, stellt mit seinem nu­ancierten Spiel erneut seine schauspielerische Bandbreite unter Beweis. Und auch Maria Bonnevie („Zweite Chance“) zeigt als Martins Ehefrau Anika eine Klasseleistung. Aber auch ein inszenatorischer Kniff hat großen Anteil am Erfolg des Films. Dabei interpretieren Vinterberg und sein norwegischer Kameramann Sturla Brandth Grøvlen, der für „Victoria“ mit dem Silbernen Bären bei der Berlinale 2015 ausgezeichnet wurde, mit wuseliger Kameraführung die nüchterne Realität mit all ihren Unsicherheiten, ungemütlichen Situationen und aufdringlichen Geräuschen. Im Gegensatz dazu werden die Bewegungen schlagartig sanf­ter und ruhiger, sobald die Charaktere mit dem Trinken beginnen – aber nur bis zu einem gewissen Promillegrad. Das absolute Highlight ist allerdings der hochemotionale Schlusspunkt des Films. Im Laufe der Dreharbeiten mussten der dänische Filmemacher und seine Familie eine persönliche Tragödie durchleben, als Vinterbergs Tochter, die vom Drehbuch besonders angetan war, bei einem Autounfall ums Leben kam. „Wir haben den Film für meine Tochter gemacht. Deswegen musste er unbedingt dieses lebensbejahende Element in sich tragen und über die Leinwand hinaus strahlen“, erklärte der Regisseur. Bei der Verleihung des Europäischen Filmpreises im November 2020 konnte „Der Rausch“ gleich vier Trophä­en abräumen (bester Film, beste Regie, bestes Drehbuch und bester Hauptdarsteller) und zählt zu Recht zum ­Favoritenkreis für den Besten internationalen Film bei den Oscars 2021.

DIESEN FILM WÄHLEN